ECHT – EMPOWERED – ERFOLGREICH

Interview mit Dr. Susanne Riess

Susanne Riess ist seit 2004 Generaldirektorin der Wüstenrot AG. Im Gespräch mit dem Bankenverband erklärt sie, warum Arbeitgeber zur Verwirklichung von Chancengleichheit im Beruf für positive Beispiele im eigenen Unternehmen sorgen müssen.

Seit 17 Jahren leitet Susanne Riess die Wüstenrot AG als Generaldirektorin. Als erste weibliche Generaldirektorin der Wüstenrot AG nimmt sie nicht zum ersten Mal eine Vorreiterrolle ein. Vor ihrem Einstieg war sie die erste weibliche österreichische Vize-Kanzlerin. Verändert hat sich seit damals einiges. Gab es 2004 kaum weibliche Führungskräfte im Unternehmen, sind aktuell 40 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt, und das sogar in Bereichen, die traditionell von Männern besetzt werden, wie etwa in der IT oder im Veranlagungsbereich. „Für manche Männer war das, glaube ich, beim allerersten Meeting schon ein kleiner Schock und etwas gewöhnungsbedürftig“, beschreibt Riess ihren Einstand bei der Wüstenrot AG.

Der Wandel in der Unternehmenskultur ist jedoch nicht von heute auf morgen passiert, sondern Ergebnis langfristiger Strategien und Maßnahmen. Frauen sind heute viel selbstbewusster, betont Riess. Gleichzeitig würden gerade die jungen Männer kein Problem mehr damit haben, selbstbewusste Frauen in Führungspositionen zu akzeptieren.

Maßnahmen für Chancengleichheit in der Praxis implementieren

Maßnahmen für mehr Chancengleichheit, das zeigt die Praxis, können durchaus unterschiedlich sein. Ein wichtiger Grundsatz für Riess ist es, positive Vorbilder im eigenen Unternehmen zu schaffen und aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt. So war auch ihre eigene Karriere für viele Frauen im Unternehmen ein „Aha-Erlebnis“. „Vielleicht haben einige Frauen gemerkt, dass sie mehr Möglichkeiten haben als gedacht“, kommentiert Riess ihre Anfangszeit. Vorbilder zu schaffen, hat sich auch bei anderen Maßnahmen bewährt. Die Einführung von Führungspositionen in Teilzeit etwa war zunächst sehr umstritten, erinnert sich Riess. „Nachdem wir bei der ersten Frau gesehen haben, wie gut das funktioniert, war der Bann gebrochen. Ich denke, es ist wichtig, Frauen solche Möglichkeiten aktiv anzubieten.“

Nicht nur Frauen brauchen Vorreiter

Der Ansatz, das ist Riess wichtig, beschränkt sich nicht nur auf Frauen. „Wenn wir von Gender Diversity reden, müssen wir auch für Männer positive Beispiele schaffen.“ Während Familienarbeit bei den 20- bis 30-Jährigen durchaus partnerschaftlich gesehen wird, ist der Zugang der älteren Vorgesetzten oft etwas anders. Aufklärungsarbeit sei dafür ein wichtiges Instrument. Ähnlich wie bei Frauen, setzt sich Riess bewusst dafür ein, Männer, die Väterkarenz in Anspruch nehmen, als positive Beispiele vorangehen zu lassen. „Wir zeigen ihnen Perspektiven auf und unterstreichen, dass die Inanspruchnahme von Väterkarenz keine negativen Auswirkungen auf die Karriere hat.“ Die besten Vorbilder findet man also im eigenen Umfeld.

Ohne Eigeninitiative geht es nicht

Chancen zu bieten sind Aufgaben für Unternehmen. Um diese wahrnehmen zu können, rät Riess dazu, flexibel bei der Lebensplanung zu sein und sich selbst zu fordern. „Ich rate speziell Frauen, sich mehr zuzutrauen und sich zum Beispiel proaktiv zu bewerben, zu zeigen, dass man sich weiterentwickeln möchte und bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen.“ Angesprochen auf die Rolle von Netzwerken, antwortet Riess, dass diese zwar nicht entscheidend für ihren Einstieg bei der Wüstenrot AG gewesen seien, dafür aber bei der Berufsausübung eine elementare Rolle spielen würden.

Sind persönliche Netzwerke also der Schlüssel zum Erfolg? „Nein“, meint Riess. Um den eigenen Job langfristig ausüben zu können, sollte man Spaß an der Tätigkeit haben, sonst könne man sich schnell auspowern. Ein gutes Team hilft dabei. „Meine Aufgabe ist es, das Team im Überblick zu behalten, zu motivieren und zu schauen, dass es ein großes, gutes Ganzes wird. Das geht nur mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen“, so Riess. Ohne Eigeninitiative geht das jedoch nicht. „Man muss sich seine eigenen Freiräume schaffen, ohne das geht es nicht“, lautet Riess‘ Fazit.


„Wir müssen Frauen dazu ermutigen, ihre Chancen wahrzunehmen“

Im Gespräch mit dem Bankenverband erklärt Susanne Riess, Generaldirektorin der Wüstenrot AG, warum Arbeitgeber zur Verwirklichung von Chancengleichheit im Beruf für positive Beispiele im eigenen Unternehmen sorgen müssen.

Susanne Riess im Interview mit Doris Zingl
 

Zingl: Als Generaldirektorin stehen sie der Wüstenrot AG seit 17 Jahren vor. Weder im Aufsichtsrat noch im Vorstand der Wüstenrot gab es 2004 eine Frau, das hat sich erst mit Ihrem Einstieg geändert. Sie waren damit in einer Vorreiterrolle. Wie haben ihre Kollegen darauf reagiert?

Riess: Generell gab es im Haus kaum weibliche Führungskräfte. Für manche Männer war das, glaube ich, beim allerersten Meeting schon ein kleiner Schock und etwas gewöhnungsbedürftig, einer Generaldirektorin gegenüber zu sitzen. Ich habe aber von Anfang an betont, dass die Wüstenrot ein Unternehmen ist, das Frauen Karrieremöglichkeiten bietet. Ich wollte den weiblichen Kolleginnen zeigen, dass die Chancen auf eine Führungsposition größer sind als gedacht. Heute sind knapp 40 Prozent aller Führungspositionen von Frauen besetzt. Ein starker Fortschritt.


Zingl: In 17 Jahren hatten Sie ja Zeit, einiges zu verändern.

Riess: Genau. Nicht nur der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist entscheidend, sondern auch die Qualität. Mittlerweile führen Frauen Abteilungen, die traditionell von Männern besetzt wurden. Wir haben zum Beispiel in der IT eine weibliche Chefin, ebenso wie in diversen Finanzbereichen. In den letzten Jahren hat sich viel getan, und es ist eher eine Generationenfrage. Frauen agieren mit mehr Selbstbewusstsein, und gerade die jungen Männer akzeptieren selbstbewusste Frauen in Führungspositionen.


Zingl: Gibt es bei Ihnen konkrete Maßnahmen, wie etwa eine Frauenquote? Oder reicht ihre Vorbildfunktion?

Riess: Natürlich gab und gibt es auch konkretere Maßnahmen. So etwas wie eine Frauenquote haben wir allerdings nicht. Wir müssen Frauen direkt ansprechen und dazu ermutigen, ihre Chancen wahrzunehmen. Männer sind da oft immer noch selbstbewusster und trauen sich mehr zu. Konkret bieten wir zum Beispiel Führungspositionen in Teilzeit an. Das haben wir Frauen schon sehr früh ermöglicht, obwohl es zu Beginn eine sehr umstrittene Maßnahme im Unternehmen war. Im Nachhinein hat sich die Entscheidung gelohnt: Der Bann war nach frühen Erfolgen sehr schnell gebrochen. Ich denke, es ist wichtig, Frauen solche Möglichkeiten aktiv anzubieten.


Zingl: Wie wichtig ist es denn, selbst das Zepter in die Hand zu nehmen und aktiv Chancen zu ergreifen?

Riess: Sehr wichtig. Man sollte Ziele haben im Leben und sein Leben bis zu einem gewissen Grad auch planen. Wichtig ist es, trotzdem flexibel genug zu bleiben. Ich rate speziell Frauen, sich mehr zuzutrauen und sich zum Beispiel proaktiv zu bewerben, zu zeigen, dass man sich weiterentwickeln möchte und bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen.


Zingl: Sie haben schon den Generationenwandel angesprochen. Ist Väterkarenz bei Männern ein Thema? Brauchen Männer da auch Ermutigung? Welche Erfahrungen haben Sie?

Riess: Es gibt vereinzelt Männer, die in Väterkarenz gehen. Für viele Männer ist diese Möglichkeit aber leider noch immer nicht sehr präsent. Wir ermutigen dazu und unterstreichen, dass daraus keine Nachteile für die Karriere entstehen. Ich glaube, es ist vor allem ein Problem der gesellschaftlichen Anerkennung. In der jüngeren Generation wird Väterkarenz schon ganz anders gesehen. Die 20- bis 30-Jährigen betrachten das Thema Familie wesentlich partnerschaftlicher. Die älteren Vorgesetzten haben oft noch einen anderen Zugang. Da ist es wichtig, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Dafür holen wir die Männer, die Väterkarenz in Anspruch nehmen, vor den Vorhang, zeigen ihnen Perspektiven auf und lassen sie als gute Beispiele vorangehen.


Zingl: Zusammengefasst lautet ihr Motto, Vorbilder im eigenen Unternehmen zu schaffen und zu zeigen, was alles möglich ist. Haben Sie Vorbilder?

Riess: Das kann man so sagen. Mein Vorbild war meine Mutter. Sie war immer berufstätig, als Kind habe ich das nie als Nachteil empfunden. Ich habe meine Mutter als selbstständige und erfolgreiche Frau wahrgenommen, die mich immer ermutigt und unterstützt hat, meinen eigenen Weg zu gehen.


Zingl: Man kann Vorbilder also auch im eigenen Umfeld finden?

Riess: Ja, genau.


Zingl: Vor ihrer Zeit bei der Wüstenrot hatten sie eine sehr erfolgreiche politische Karriere. Egal ob in der Politik oder Wirtschaft, wie wichtig sind persönliche Netzwerke für den Beruf?

Riess: Ich habe meine politische Karriere ganz ohne persönliches Netzwerk begonnen. Auch meine Position als Generaldirektorin bei der Wüstenrot kam nicht durch mein persönliches Netzwerk zustande. Das ist eher untypisch in Österreich. Wichtiger sind persönliche Netzwerke für die Ausübung meines Berufs. Gerade in der Finanzwirtschaft haben wir sehr viele Themen, die sich sehr rasch verändern. Um von Anderen zu lernen und auf dem Laufenden zu bleiben, ist der Austausch im eigenen Netzwerk natürlich sehr wichtig. Der Bankenverband bietet in diesem Kontext eine wichtige Plattform, über die Positionen ausgetauscht und Themen gemeinsam adressiert werden können.


Zingl: Angesichts von vielen Jahren in Spitzenpositionen stellt sich die Frage: Wie schafft man es, sich langfristig nicht auszupowern? Wann sind Sie denn zum Beispiel heute in den Arbeitstag gestartet?

Riess: Mein Arbeitstag hat heute um 6:30 Uhr mit dem Spaziergang mit meinem Hund begonnen. Es ist ein schöner Start in den Tag, da kommt man schon erfrischt ins Büro. Entscheidend ist, dass man Freude an seiner Tätigkeit hat. Ist das nicht der Fall, kann das eine große Belastung sein. Stressige Zeiten gibt es aber in jedem Job, keine Frage. Wichtig ist, dass man mit Engagement bei der Sache sein kann und Pläne und Ziele hat, für die man sich einsetzt.


Zingl: Welche Rolle spielen die Kolleginnen und Kollegen?

Riess: Die Rolle der Kollegen und Kolleginnen darf man auf keinen Fall unterschätzen. Ein gutes Team, mit dem man gerne zusammenarbeitet, ist unersetzbar. Gerade in guten Teams lässt sich die Arbeit so organisieren, dass man nicht ausgepowert wird. Gute Teams sind eine wichtige Voraussetzung für Erfolg.

Für eine gute Work-Life-Balance sollte man allerdings auf sich selbst hören. Man muss sich seine eigenen Freiräume schaffen, ohne das geht es nicht.